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Vergessene Zeitzeugen

Ancestry.de haucht 2 Millionen Dokumenten aus dem Berliner Standesamt I neues Leben ein

  • Bis 2017 werden 2 Millionen Urkunden aus den Jahren 1874–1945 digitalisiert
  • Über 900.000 der Dokumente aus Ost- und Westpreußen, Böhmen, Mähren und Schlesien heute schon auf Ancestry.de nach Namen durchsuchbar
  • In den Urkunden dokumentiert: Der Überfall auf das Danziger Postamt zu Kriegsbeginn, der erste Tote des 2. Weltkrieges und der Untergang der „Wilhelm Gustloff“

München – 17. März 2016 – Ancestry.de, der Experte für Online-Familienforschung, stellt mit den Urkunden des Standesamt I in Berlin eine bedeutende Sammlung historischer Dokumente online. Die über zwei Millionen Aufzeichnungen, seit Ende der 1940-er Jahre in Regalen des Standesamtes verstaut, sind erst durch eine Änderung des Personenstandsgesetzes wieder im Original für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Urkunden bezeugen dramatische Ereignisse des 2. Weltkrieges genauso wie damit verbundene, bewegende Einzelschicksale.

Das Standesamt I in Berlin, das auch als Auslandsstandesamt der Bundesrepublik Deutschland fungiert, beherbergt unter anderem Standesamtsurkunden aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Seit Ende der 1940-er Jahre lagerten die Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden in der Behörde und wurden durch das Standesamt dienstlich für die Klärung persönlicher Schicksale und die weitere Ausstellung von Personenstandsurkunden genutzt. Jedoch standen die Dokumente der wissenschaftlichen und heimatkundlichen Forschung nur eingeschränkt zur Verfügung.  Nach einer Gesetzesänderung des Personenstandsgesetzes im Jahr 2009 gelten die Urkunden nun, nach Ablauf ihrer Fortschreibungsfristen als Archivgut und werden nach und nach an das Berliner Landesarchiv übergeben. In Zusammenarbeit mit dem Landesarchiv digitalisiert und indexiert Ancestry.de ausgewählte Personenstandsregister und ermöglicht damit die Einsicht für jedermann und von überall. Bereits über 900.000 dieser Dokumente können heute auf Ancestry.de durchsucht werden. Neben den reinen Fakten dokumentieren die Urkunden auch die dramatischen Ereignisse und Schicksale der Menschen während des 2. Weltkrieges.

„Neue Archivmaterialien zu digitalisieren ist immer spannend. Aber Bände nach über 70 Jahren teilweise zum ersten Mal wieder zu öffnen, ist auch für uns bei Ancestry etwas ganz Besonderes. Erst recht, wenn sie so spannende Dokumente beinhalten und Geschichten erzählen wie die der Berliner Sammlung“, so Nikolai Donitzky, Managing Director Deutschland bei Ancestry. „Obwohl die Urkunden die ganzen Jahre verfügbar waren, wussten nur wenige Experten von dem historischen Schatz im Keller des Standesamtes. Bis 2017 werden wir die Aufzeichnungen nun nach und nach digitalisieren, online stellen und diese vergessenen Zeitzeugen somit für jedermann zugänglich machen.“

 

Der erste Tote des Zweiten Weltkrieges: Franciszek Honiok

Ende August 1939 soll eine Reihe von Scheinattacken auf deutsche Einrichtungen und Zollstationen durch vermeintlich polnische Rebellen den anschließenden deutschen Überfall auf Polen rechtfertigen. Eines der Ziele war der deutsche Rundfunksender Gleiwitz. Männer der SS überfallen den Sender und verkünden, er sei nun „in polnischer Hand”. Als Beweis für die polnische Attacke wird ein Leichnam, angeblich einer der Angreifer, zurückgelassen: Franciszek Honiok. Der öffentlich mit Polen sympathisierende, 1899 in Lubie (Hohenlieben) geborene Landmaschinenvertreter, wurde am Vortag verhaftet und verstarb während der Attacke auf den Sender: Der Zweite Weltkrieg hatte sein erstes Opfer gefordert. In der Sammlung des Standesamt I findet sich die Geburtsurkunde von Franciszek Honiok.

 

Angriff auf polnisches Postamt in Danzig: Der Beginn des 2. Weltkrieges

Auch der eigentliche Beginn des Zweiten Weltkrieges ist durch diverse Sterbeurkunden in den Dokumenten des Standesamts I dokumentiert. Am 1. September 1939 greift Deutschland Polen an. Unter anderem ein Postamt in Danzig, das den polnischen Verteidigern als Munitionslager dient. Nach mehreren Versuchen seitens der Deutschen, das Amt einzunehmen, ergeben sich die überlebenden Verteidiger schließlich. Bei dem Angriff, Teil der ersten Kampfhandlungen des 2. Weltkrieges, werden acht Menschen getötet, sechs weitere sterben kurz darauf im Krankenhaus. Darunter auch Erwina Barczykowski, die zehnjährige Pflegetochter des Hausmeisters. Ihre Sterbeurkunde findet sich in den Aufzeichnungen des Berliner Standesamtes, genauso wie die der 38 zum Tode verurteilten Gefangenen. Sie wurden am 5. Oktober 1939 erschossen. Die Todesursache in den Urkunden besagt „wegen Freischärlerei (kämpfen außerhalb eines militärischen Verbundes) hingerichtet”.

 

Der Untergang der „Wilhelm Gustloff”

Ebenfalls durch die Urkunden bezeugt wird die größte bekannte Seefahrtskatastrophe eines Einzelschiffs: Der Untergang der „Wilhelm Gustloff”. Einst für Kreuzfahrten gebaut, diente es während des Zweiten Weltkrieges hauptsächlich als schwimmende Kaserne im Hafen von Gdingen / Gotenhafen (dem heutigen Gdynia). Als die Rote Armee gegen Ende des Krieges immer weiter vorrückt und Millionen Flüchtlinge versuchen auf dem Seeweg zu entkommen, wird es als Rettungsschiff eingesetzt. Am 30. Januar 1945 treten über 10.000 Menschen die Flucht an Bord der „Gustloff” an. Wenig später kommt es zur Tragödie. Von drei Torpedos getroffen, sinkt das Schiff zwischen Leba und Stolpemünde, über 9.000 Menschen sterben. Eine Reihe von Sterbeurkunden aus der Berliner Sammlung dokumentieren die Katastrophe. Die Identitäten vieler Opfer sind aber bis heute ungeklärt, da durch die unübersichtliche Situation im Hafen von Gdingen viele der Passagiere nicht mehr offiziell registriert wurden.

 

Günter Grass

Eng mit den Geschehnissen der Zeit verbunden sind auch Werke des deutschen Schriftstellers Günter Grass. Sein Roman „Die Blechtrommel” thematisiert den Überfall auf das Danziger Postamt, sein Roman „Im Krebsgang” den Untergang der „Wilhelm Gustloff”. Auch eine persönliche Verbindung zu der Region und der Sammlung lässt sich finden: Die Urkunden des Standesamts I enthalten die Heiratsurkunde der Eltern.

 

 

 

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